Liebes Wunder,
der Tag, an dem du kamst, war definitiv der krasseste in meinem Leben. Damit wir diesen Tag nicht vergessen, schreibe ich ihn für dich auf.
Nach einer schönen und für deinen Papa feuchtfröhlichen Grillfeier mit den Nachbarn setzen bei mir gegen Mitternacht kraftvolle Wellen ein.
Irgendwann gegen 1:30 Uhr sind wir dann auf dem Weg in den Kreißsaal, und im Auto wird mir erstmal schlecht. Ob das nun die Wellen waren, die Vorbereitung zur Geburt oder Papas Fahne vom Grillen am Abend – ich weiß es nicht. Jedenfalls hat mir der Gully am Straßenrand Erleichterung verschafft, und wir sind weitergefahren.
Gegen 2 Uhr erreichen wir die Geburtsklinik. Papa lässt mich direkt vor dem Eingang raus. An Treppensteigen ist nicht mehr zu denken, und ich nehme den Aufzug nach oben, während Papa noch schnell unser Auto parkt.
Oben angekommen, geht es für uns in ein Wehenzimmer. Wir veratmen fleißig die immer kraftvolleren Wellen. Mir tut es gut, zum offenen Fenster hinauszuatmen und frische Luft einzuatmen. Irgendwann erfolgt eine Tastuntersuchung, und die Hebamme sagt: „Da haben Sie aber gut vorgearbeitet, wir wechseln jetzt das Zimmer.“ In meinem Wellenrausch gehe ich davon aus, dass es für mich nun auf Station geht, schnappe mir meine Kleidung und möchte mich anziehen. Papa kommt in diesem Moment zu mir, legt den Arm um mich und sagt: „Kathrin, wir gehen nicht auf Station. Wir gehen in den Kreißsaal. Er kommt jetzt.“ Ich sage dann nur total emotional: „Mein Baby kommt. Mein Baby kommt.“ und laufe meinem Mann und der Hebamme hinterher in einen recht kleinen und, wie ich finde, gemütlichen Kreißsaal.
Was dann folgt, sind circa drei Stunden immer stärker werdende Wellen, wechselnde Geburtspositionen, Momente, in denen ich denke, ich kann einfach nicht mehr. Diese drei Stunden fühle ich mich geborgen zwischen deinem Papa und den zwei Hebammen, die wirklich die ganze Zeit bei uns sind. Ich werde motiviert, angefeuert. Papa erzählt, dass ich Sportlerin bin, und wir holen uns unsere Bike-Tour über den Tremalzo mit seinen unzähligen, nicht enden wollenden Serpentinen her. Dieses Bild und das sichere Wissen, dass jede Welle endet und ich mich dann kurz erholen, klare Gedanken fassen und gegebenenfalls Entscheidungen treffen kann, geben mir Sicherheit.
Meine Geburtsbegleiter*innen merken, dass mir ein bisschen die Kraft und Motivation ausgehen, und bieten mir einen Spiegel an, um den Geburtsfortschritt mit eigenen Augen sehen zu können. Ich schaue schließlich, sehe Haare und ein bisschen deines Köpfchens. Als ich Papa ansehe, sehe ich Tränen in seinen Augen – ich kann auch großen Stolz dort sehen, was mich zusätzlich pusht.
Ich weiß, dass ich alles in den Ring werfen muss, was ich noch habe. Da unser Kreißsaal an zwei Seiten Fenster hat, sehe ich in den Wellenpausen die langsam aufgehende Sonne. Ich brülle nun bei jeder Welle, stemme mich gegen meine Hebammen und meinen Mann, schicke all meine Kräfte in Richtung Geburtskanal und denke immer wieder an deine feinen, blonden Haare, die ich im Spiegel gesehen habe.
Letztlich dauert es noch drei Wellen, und ich habe tatsächlich dein Köpfchen geboren. Die Hebammen und mein Mann sehen sich an, die Augen glänzen, und ich weiß und spüre, dass das meiste geschafft ist. Mit den nächsten Wellen gebäre ich schließlich noch deine Schultern und deinen Körper.
So wurdest du, unser Wunder, um 6 Uhr morgens geboren. Du machst deinem Namen, der „das erste Licht des Tages“ bedeutet, somit alle Ehre.
In Liebe, Mama und Papa