Mein Mann und ich waren uns einig und bereiteten alles für eine Alleingeburt vor, mit der Option, jederzeit unter der Geburt die Hebamme dazu einzuladen.
So begann unsere Geburtsreise an einem Donnerstag kurz nach 3:00 Uhr. Morgens wachte ich plötzlich auf und bemerkte, dass etwas Wasser abging. Dabei war ich mir sicher, dass es keine Pipi war. Mein Mann schlief noch, und ich ging ins Badezimmer, um nachzuschauen, ob es sich tatsächlich um Fruchtwasser handelt – das war es. Und immer wieder und wieder gingen ein paar Tröpfchen ab.
Ich ging zurück ins Schlafzimmer und weckte meinen Mann, um ihn über die Neuigkeiten zu informieren. Ganz entspannt meinte er zu mir: „Kuschel dich nochmal ins Bett und sammle Kraft.“ Ich legte mich also wieder hin, entspannte mich mittels der Ruheatmung und döste immer wieder ein. Nach einigen Minuten bemerkte ich, dass in regelmäßigen Abständen die Wellen kamen. Diese waren spürbar wahrzunehmen. Zwischendurch konnte ich immer wieder einschlafen.
Gegen 7:30 Uhr standen wir auf, und ich machte mich für den Tag frisch. Außerdem richtete ich uns ein schnelles Frühstück an. In dieser Zeit verkürzten sich die Abstände der Wellen. Somit saß ich am Frühstückstisch, aß mein Müsli und veratmete die immer mehr spürbaren Wellen. Wir bereiteten meinen gewünschten Geburtsort weiter vor und sammelten die letzten wichtigen Utensilien zusammen.
Mein Wunschort für die Geburt war das Badezimmer. Ich ging zu meinem Geburtsaltar und machte den Diffuser mit meinen liebsten Duftankern an. Mein Mann holte den Pezziball, zündete Kerzen an und verwandelte das Bad in eine dunkle, kuschelige Höhle.
Nach ein paar Minuten wurden die Kontraktionen intensiver und benötigten meine volle Konzentration und Aufmerksamkeit. Somit entschloss ich mich, ins Badezimmer zu gehen und mich in der wohlig warmen Badewanne zu entspannen. Währenddessen trank ich immer wieder reichlich Wasser. Die Abstände der Wellen wurden kürzer und gleichmäßiger, sowie die Intensität stärker. Mein Mann begleitete mich in jeder Sekunde.
Das warme Wasser wurde nach kurzer Zeit etwas unangenehm. Demnach stieg ich aus der Badewanne und klammerte mich an ein Tuch, das an einem Balken hing.
Dieses Element war das wichtigste Utensil der Geburt. Während der Wellen und in den Pausen wandte ich bewusst die erlernten Atemtechniken an. Folglich wusste ich genau, dass mein Baby ausreichend mit Sauerstoff versorgt ist.
Meine vollste Konzentration und Kraft galt den Wellen, die immer mehr an Intensität zunahmen. Die Schwerkraft nutzte ich durch meine aufrechte Körperhaltung am Tuch. Ich umschlang das Tuch und spürte, wie mein Baby nach unten drückte.
So langsam wurde der Prozess sehr intensiv, und ich fing an zu tönen. Bei jeder Welle klammerte ich mich am Tuch fest und ließ mich immer wieder in die tiefe Hocke sinken. In den Wellenpausen trank ich Wasser, atmete bewusst tief ein und aus. Diese Bewegungen wiederholte ich ganz, ganz oft. Mein Mann war währenddessen immer an meiner Seite, massierte meinen Rücken und half mir in jeder Pause, mich wieder hinzustellen und am Tuch festzuhalten.
Das Zeitgefühl habe ich in dieser intensiven Phase komplett beiseitegelassen und befand mich voll und ganz im Hier und Jetzt. Mein Mann erinnerte mich mit Affirmationen immer wieder daran, wie wundervoll und wie weit wir es schon geschafft hatten. Der Druck der Wellen nach unten nahm zu. Ich spürte, wie sich das Köpfchen meines Babys an meinem Kreuzbein vorbeischob und bewegte immer wieder mit kreisenden Bewegungen mein Becken. Mit jeder Welle rutschte mein Kind weiter nach unten.
Dann war der Moment gekommen, und mein Mann sagte: „Schau, das Köpfchen! Unser Baby hat Haare.“ Ich erspürte mit meiner Hand das Köpfchen. Dieses Gefühl gab mir einen Motivationsschub, und mit jeder weiteren Kontraktion schob sich das Köpfchen weiter nach draußen.
Einige Minuten und Wellen später war es so weit, und der komplette Kopf wurde geboren. Ich befand mich in der tiefen Hocke, und noch mit derselben Welle flutschte der komplette Körper meines Babys auf den Boden unseres Badezimmers. Instinktiv nahm mein Mann unser Baby und gab es mir auf die Brust. Es schrie kurz, atmete und war rosig. Überglücklich schaute ich, ob es meinem Baby gut geht und alles in Ordnung ist – und so war es auch.
Nun nahm ich Kontakt zu meiner Plazenta auf und bat sie, auch geboren zu werden, damit der komplette Prozess abgeschlossen werden konnte. Nur circa fünf Minuten nach Ankunft unseres Babys gebar ich die Plazenta.
Ich war so überwältigt. Ich hatte es geschafft – und zwar ganz ALLEIN. Nur mein Mann, mein Baby und ich. Unser Wunsch der Alleingeburt wurde wahr!
Nach kurzer Zeit entschieden wir uns, die Hebamme anzurufen und ihr mitzuteilen, dass unser Kind geboren war. Sie traf ca. eine Stunde nach der Geburt ein.