Deine Geburt

Wir sollten um neun im Krankenhaus sein.

Ein fester Termin, der 11.11.2024, keine Überraschung wie bei deinen Geschwistern, keine Aufregung … Stille.

Die Aufregung hatte sich schon gelegt. Wir wussten jetzt seit sechs Tagen, dass dein kleines Herz nicht mehr schlägt, dass dein kleiner Körper still zu uns kommen wird und wir nicht erfahren werden, wer du geworden wärest, wie du gerochen hättest oder wie deine Stimme geklungen hätte.
Alle waren sehr nett, wie auch bei den vorausgegangenen Terminen. Empathisch und zuvorkommend. Wie gerne hätte ich dir diese Welt gezeigt, diese gute und nette Welt. Es gibt auch andere Facetten, andere Seiten, aber solange ich gekonnt hätte, hätte ich dich behütet, auf dich aufgepasst und dir die Welt von ihrer schönen Seite gezeigt.

Xx war schon da und hat auf uns gewartet. Ich habe das Zimmer zuerst allein betreten. Es war ruhig und still, das Zimmer, in dem du geboren werden sollst. Alles war friedlich. Wir waren gut vorbereitet, hatten alles dabei, wie bei deinen Geschwistern.

Es wurde untersucht und geschaut, dann wurde die erste Gabe der Tabletten gegeben. Du hast selbst schon zwei Tage vorher den Startschuss gegeben, ich hatte bereits Wehen. Du hast es selbst in Gang gesetzt. Von wo du meinen Körper angeschubst hast, weiß ich nicht, aber du hast es ausgelöst. Die Tabletten haben es beschleunigt und für uns alle berechenbarer gemacht.

Die Wehen waren okay, und wenn auch schmerzhaft, waren sie meine letzte Möglichkeit, dich zu spüren, dich bei mir zu wissen – und im selben Moment die Gewissheit, dich loslassen und gehen lassen zu müssen. Ich hatte mich darauf eingestellt. Ich wollte dich in Frieden und Liebe loslassen auf diese Welt, genau wie deine Geschwister.

Du bist viel kleiner, es tut nicht so weh, und doch zerreißt es mich auf diese Weise, die ich nicht zu beschreiben vermag. Ich habe dich doch schon gespürt, in mir, an mir. Ich habe geträumt, wie ich dein Händchen halte, dich bei mir trage und wir nicht schlafen werden, weil du alles verarbeiten musst, was so neu und eindrucksvoll ist … Aber jetzt ist es nur still.

Du bist still. Die Welt steht still. Wir sind hier in diesem Zimmer, die Sonne scheint wärmend durch das große Fenster, und alles um uns herum scheint, wie in einem Film, der vorgespielt wird, weiterzulaufen. Aber hier, in diesem Zimmer, steht unsere kleine Welt gerade fast ganz still und dreht sich nur noch um dich und uns und diesen letzten gemeinsamen Moment.

Ich spüre, wie es weitergeht und dass es nicht lange dauern wird. Aber ein bisschen möchte ich noch, dass es dauert, länger verweilen in diesem letzten Teilen. Die zweite Gabe ist geschafft, und ich spüre weiter, wie es vorangeht. Ich schwanke zwischen Loslassen und Festhalten, aber ich will es passieren lassen, wie bei deinen Geschwistern. Nur loslassen will ich dich nicht – dich bei mir behalten, solange es geht …

Ich weiß, dass es nicht mehr lange dauert, aber ich verrate nur so viel wie nötig. Deine Fruchtblase platzt, wir sind dabei allein. Keine Aufregung oder viele Menschen im Kreißsaal, es bleibt still um uns. Wir sind nicht aufgeregt. Wir wollen dich kennenlernen, aber wir wollen den Abschied nicht sofort, noch ein bisschen verweilen in diesem Zimmer, in diesem Moment, in deiner Geburt. Ich spüre genau, wo du liegst in meinem Bauch.

Wir ruhen uns aus, und die Sonne scheint warm ins Zimmer und auf mein Gesicht. Fast als würdest du deine kleinen, warmen Hände auf meine Wangen legen und sagen: „Es ist okay, loszulassen. Ich bleibe hier bei dir, bei euch, aber meinen Körper darfst du loslassen.“

Vor der dritten Gabe untersucht die Ärztin noch einmal den Muttermund. Sie kann dich spüren. „Wir könnten es versuchen“, sagt sie, „wenn wir, wenn ich bereit wäre.“

Dein Papa und ich schauen uns kurz an. Welche Wahl haben wir, welche Optionen?! Uns wurde jegliche Entscheidungsgewalt genommen. Das Einzige, was ich noch beeinflussen kann, ist, dich loszulassen. Dir eine schöne und entspannte Geburt zu schenken. Dir zu zeigen, wie willkommen du bist und gewesen wärst, wie bei deinen Geschwistern.

Ich presse, und um 16:44 Uhr wird dein kleiner Körper geboren, still.

Es ist ruhig und still, wir alle sind still. Die Ärztin und (Name) bringen deinen Körper und unsere Plazenta kurz ins Bad, und (Name) schneidet deine Nabelschnur durch. Dann kommst du zu uns. Wir sehen dich das erste Mal. Du bist so unglaublich klein – deine kleinen Öhrchen, deine kleinen Hände und Füße…

Wir sind ganz ruhig. Für den Moment geht es mir gut. Wir haben das gut gemacht. Dein Körper bleibt noch bei uns. Wir schauen uns jedes Detail, das wir erfassen können, an.
Nach ca. zwei Stunden verabschieden wir uns von deinem Körper. Wir packen alles zusammen. Die Ärztin macht noch einen letzten Ultraschall, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Leere in meinem Bauch.
Dann dürfen wir nach Hause gehen. Ohne dich. Alleine. Mit nehmen wir die Leere und die Stille. Aber auch dich – für immer.

Ich hoffe, das ist okay und nicht irgendwie doof in dem Kontext. Aber vielleicht gibt es andere Mütter, die vor einer stillen Geburt stehen oder ihre stillen Geburten auch teilen wollen. 🍀🤍

Herzliche Grüße
Hannah