Es ging am 03.04. gegen 23:30 Uhr mit Übungswehen alle 5–10 Minuten los. Ich hatte die Wochen davor auch schon abends immer wieder fordernde Übungswehen, aber nie regelmäßig. Also freute ich mich, dass es loszugehen schien, und versuchte, noch ein bisschen zu schlafen. Gegen 4 Uhr stand ich dann auf, um den Raum vorzubereiten. Die Wehen veränderten sich nicht, kamen aber nach wie vor alle 5–10 Minuten.

Vielleicht kam alles ein bisschen in Schwung, wenn alles vorbereitet war. Ich stellte die Kerzen auf, machte die Lichterkette an, legte das Sofa und den Boden mit Malervlies aus, las noch einmal meine Affirmationen durch und machte mein Geburtslied an. Je weiter es Richtung 7 Uhr ging, umso unruhiger wurde ich. Ich wusste, dass unser Sohn bald aufstehen würde, und wir hatten noch nicht entschieden, was wir mit ihm machen würden, wenn es wirklich losgeht.

Das machte sich auch an den Wehen bemerkbar, die kamen zu dem Zeitpunkt nur noch alle 20 Minuten. Kurz darauf kamen unser Sohn und mein Mann ins Wohnzimmer. Ich wurde mit „Mama, hast du Geburt?“ begrüßt. Er kuschelte sich an, und ich fragte ihn, ob er hier bleiben oder zum Opa gehen möchte. Er wollte zum Opa. Ich war erleichtert. So gern ich ihn dabeigehabt hätte, hatte ich doch Zweifel, ob ich gut bei mir bleiben könnte, wenn er anwesend ist. Mein Mann und unser Sohn packten also Spielzeug und die Übernachtungstasche und fuhren los. Ich war mir sehr sicher, dass, sobald mein Mann da ist, die Wehen richtig Fahrt aufnehmen und unser zweiter Sohn im Laufe des Tages geboren wird.

Tja, da lag ich wohl sehr falsch. Die Wehen kamen weiterhin alle 5–10 Minuten, aber immer noch nicht stärker. Am späten Vormittag beschlossen wir, noch einen Spaziergang zu machen, in der Hoffnung, dass die Bewegung den Verlauf etwas ankurbelt. Leider hat auch das nicht wirklich geholfen. Am Nachmittag habe ich dann unsere Hebamme angerufen und ihr die Situation geschildert. Langsam war ich echt genervt. Sie meinte, dass so etwas bei Zweitgebärenden nicht unüblich sei, und sie sei sich sicher, dass es heute Nacht losgeht und dann wahrscheinlich auch nicht lang dauern wird. Sie bot an, vorbeizukommen und mal zu untersuchen, was ich aber ablehnte. Ich war eh schon so frustriert, da wollte ich nicht auch noch hören, dass ggf. gar kein Geburtsfortschritt erkennbar ist. Sie riet uns, noch einen entspannten Nachmittag zu machen und früh schlafen zu gehen, wir würden uns bestimmt heute Nacht sehen. Wir riefen beim Opa an, erklärten den Stand der Dinge und besprachen, dass unser Sohn dort übernachten soll und dann in der Früh dazukommen kann, wenn er möchte.

Wir gingen gegen 20 Uhr ins Bett, wir waren unfassbar müde. Zum Glück konnten wir noch ein paar Stunden schlafen, denn um 02:15 Uhr platzte meine Fruchtblase. Von da an kamen die Wehen erst im 10-Minuten-Takt, dann alle 5 Minuten, und sie wurden endlich stärker. Ich ging in die Badewanne und rief die Hebamme an. Der Anrufbeantworter ging ran. Komisch. Sie rechnete ja eigentlich mit meinem Anruf. Ich bat meinen Mann, es weiterhin zu versuchen, noch war es ja nicht eilig. Ich machte wieder mein Geburtslied an und verarbeitete die Wehen in der Wanne. Die Wehen kamen jetzt alle 3 Minuten. Seit dem Blasensprung war jetzt eine Stunde vergangen. Das ging jetzt doch irgendwie schneller als erwartet. Wir versuchten weiterhin parallel, die Hebamme zu erreichen – leider ohne Erfolg. Na gut, das hilft jetzt nichts, wir müssen die Zweithebamme anrufen, dachte ich mir. Ich will das Kind auf keinen Fall allein oder in der Klinik bekommen. Sie haben wir sofort erreicht. Sie wollte sich direkt auf den Weg machen und in einer halben Stunde ankommen.

Pünktlich um 04:30 Uhr klingelte es, und die Hebamme kam. Jetzt war ich wieder entspannt und konnte mich wieder auf mich und meine Wehen konzentrieren. Die Hebamme hörte einmal kurz nach den Herztönen und untersuchte, wie weit der Muttermund schon war: 3 cm. Sie meinte, es würde wahrscheinlich noch etwas dauern, und ich solle mich voll auf die Geburt einlassen, alles wäre gut. Sie verließ das Badezimmer und bereitete ihren Hebammenkoffer vor. Dann rollte auf einmal eine sehr heftige Wehe an, deren Intensität mich sehr überraschte. Die Badewanne war auf einmal überhaupt nicht mehr gut, jede Position war schmerzhaft, weswegen ich sehr schnell aus dem Wasser wollte.

Im Wohnzimmer verarbeitete ich die Wehen dann mit intuitiven Bewegungen und Abhängen an der Schlaufenschaukel unseres Sohnes. In den Pausen lief ich umher und trank so viel Wasser wie irgendwie möglich. Ich kann leider nicht mehr genau sagen, was wann genau passiert ist – ich war wie in Trance. Auch die Intensität und der für mein Gefühl wahnsinnig schnelle Geburtsverlauf forderten mich mental ganz schön heraus.

Ich hörte, wie die Hebamme zu meinem Mann sagte, dass es nicht mehr lang dauert, und war davon total überrascht. Ich war noch nicht so weit. Doch da rollte mitten in einer Eröffnungswehe eine Presswehe heran. Die Hebamme bat mich, mich vor das Sofa zu knien, und holte warmes Wasser und Waschlappen. Auch hier kann ich mich nicht genau erinnern, wie lange das gedauert hat. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Ich ergab mich den Presswehen, doch ich spürte, dass unser Baby irgendwie nicht richtig vorwärtskam. Das bemerkte auch die Hebamme und bat mich, in die tiefe Hocke zu gehen. Diese Position fühlte sich total falsch an, ich wollte wieder in den Vierfüßlerstand. Der kurze Positionswechsel war wohl trotzdem hilfreich, denn jetzt konnte ich spüren, wie mein Baby sich durch mein Becken schob. Ich stützte mich an meiner Hebamme ab und atmete mit ihrer Anleitung mein Baby aus. Ich schloss dieses winzige Wesen in meine Arme und konnte noch gar nicht fassen, was ich da gerade geschafft habe.

Es war 06:32 Uhr, also zwei Stunden nach Ankunft der Hebamme, als unser zweiter Sohn geboren wurde. Die Hebamme versuchte, die Ersthebamme zu erreichen, und hatte dieses Mal Erfolg. Sie versprach, sofort zu kommen. Mein Mann rief den Opa an und bat darum, unseren Sohn zum Abnabeln vorbeizubringen. Den Wunsch hatte er die Schwangerschaft über immer wieder geäußert, und das wollten wir ihm natürlich ermöglichen. Kurze Zeit später kam unser Sohn an und begrüßte zuckersüß seinen neuen Bruder. Die Hebamme fragte ihn, ob er die Nabelschnur durchschneiden wolle, und er nickte. Als er dann aber die Schere sah, wurde ihm doch etwas mulmig, und er wollte es zusammen mit Papa machen. Danach wurde es ihm aber langweilig, und er wollte spielen gehen.

Wir versuchten in der Zwischenzeit, die Plazenta kommen zu lassen, ich war aber so zittrig und kraftlos, dass wir es erstmal gut sein ließen. Ich ging in die Badewanne und hatte erstmal Zeit, alles sacken zu lassen. Wie krass das war. Auch in der Badewanne wollte die Plazenta nicht kommen, also legte ich mich aufs Sofa, um das Baby zum ersten Mal anzulegen.

Währenddessen kam auch unsere Ersthebamme an. Sie entschuldigte sich, dass sie nicht erreichbar war. Sie hätte die ganze Nacht auf meinen Anruf gewartet, aber keiner war durchgekommen (später kam raus, dass mit dem Netzanbieter etwas nicht stimmte). Für mich war das aber wirklich okay, immerhin hatte ich die andere Hebamme schon vorab kennengelernt und mich mit ihr sehr wohl gefühlt.

Während des Gesprächs kündigten sich die letzten Presswehen an. Ich sollte noch einmal vor dem Sofa in die tiefe Hocke kommen, und prompt kam die Plazenta. Jetzt konnte ich endlich duschen gehen und danach ins Bett, meine Kinder kuscheln.

So anstrengend es war – ich bin so froh, dass ich auf mich gehört habe und die Hausgeburt gemacht habe.

Diese Erfahrung an Selbstwirksamkeit, Hingabe und der Urkraft, die da wirkt, war es sowas von wert.